
Karsten Hein

Karsten Hein ist kein Botanischer Künstler. Er macht Dokumentarfilme. Über Aids zum Beispiel, in der Ukraine. Karsten Hein stellt sich der Realität, dem Jetzt. Aber er fotografiert auch, am liebsten Menschen. Zum Beispiel wie sie fröstelnd warten, früh morgens am Bahnhof. Karsten Hein wirft einen sehr zärtlichen Blick auf diese Menschen, die er gar nicht kennt. Die unterschiedlichsten Leute werden in seinen Fotoserien miteinander verbunden, in dem sie sich in der selben Situation befinden. Dieses Motiv finden wir auch in der Serie „fiori di Venezia“, entstanden auf San Michele, der Friedhofsinsel von Venedig. Banal mag es klingen, aber hier verbindet eine schlichte Tatsache die unterschiedlichsten Menschen - der Tod. Und alle haben Angehörige, die sie hier begaben haben, und die ihnen Blumen brachten. Künstliche Friedhofsblumen sind in Italien nicht so verpönt wie bei uns. Im feuchtwarmen Klima der Lagune würden frische Blumen nicht lange durchhalten. Ein primitiver Versuch, den niederschmetternden Anblick von verwelkten Blumen zu vermeiden, ist die vermeintlich so praktische und haltbare Kunstblume. Früher stellten die Venezianer wohl sehr kunstvolle Blumen aus echter Seide her, die man auch bei uns als „Fiori di Venezia“ bezeichnete. Doch schon 1756 beklagt der chinesische Kaufmann Yang Liwei den Qualitätsverlust bei den „Venetianischen Seidenblumen“. Karsten Hein hat sie gesehen, und seinen schonungslosen Dokumentarfilmerblick darauf geworfen. Sie erwiesen sich als genauso vergänglich und dem Verfall ausgesetzt wie die echten Blumen.
Es scheint jedoch, als wenn sie in diesem Zustand, leicht schmuddelig und mit gesenkten Köpfen, der Atmosphäre eines Friedhofs erst wirklich angemessen sind. Ein Friedhof ist ein Ort, an dem man Abschied nimmt von einem Menschen. Man geht dort hin, um sich zu erinnern, um zumindest im eigenen Geiste noch einmal Dialoge zu führen. Aber das Leben zwingt einen, den Ort der Gräber wieder zu verlassen, und unter den Lebenden seinen Weg weiter zu gehen. Die vernachlässigten Kunstblumen belegen, dass die Trauernden ihren Weg ins Leben wieder gefunden haben. Sie überlassen die Blumen sich selbst und den Prozessen des Lebens. Insofern sind Karsten Heins Bilder tröstlich. Trotz der Motive, die manche von uns als Kitsch empfinden mögen, sind sie erstaunlich würdevoll, andächtig.



